Klettersteige in den östlichen Dolomiten
(Steinschlaghelm als Glück und Pech)
08. bis 12. August 2011
Teilnehmer: Julia, Doris, Rolf, Sigi
 
   Diashow
Vandelli Hütte
Vandelli Hütte
Vandelli Hütte
Vandelli Hütte
Vandelli Hütte
Vandelli Hütte
Nass und kalt war angesagt im Juli 2011. Nichts zum Sonnenbaden, und auch nichts zum Bergsteigen. Und tatsächlich war’s dann um den 21.07. so schlecht, dass die Klettersteigtour in die östlichen Dolomiten undurchführbar wurde: Landregen vom Chiemsee bis zum Gardasee, Schnee ab 2500m. Da war’s daheim hinterm Ofen gemütlicher.

Aber man kann ja vieles im Leben nachholen: Neuer Termin 07.08. Wetter jetzt? Wieder Regen! Doch der Wetterbericht versprach Besserung. So sind wir -ein geschlechtermäßiges Glückskleeblatt- dann einen Tag später als geplant aufgebrochen. Und hatten gleich am ersten Tag das Glück der reisenden Engel: Am Brenner hat es noch gegossen; im Pustertal kam die Sonne raus. Es blieb allerdings noch ein wenig „schaurig“. Der abendliche Aufstieg vom Passo Tre Croci bei Cortina (1809m) zur Vandellihütte (1928m) war herrlich zum Einlaufen: Ein gemütlicher Weg durch den frisch gewaschenen Bergwald mit faszinierenden Ausblicken auf Sorapis und Cristallo, wo sich der blaue Himmel mit den hartnäckigen Regenwolken ein aufregendes Gefecht lieferte. Die letzten 10 Minuten hat es uns dann doch noch abgeduscht. 4 Saubere Lager für uns allein und eine ordentliche Portion Spaghetti sorgten für einen runden Auftakt. 
Die kleine Hütte liegt wunderschön im Kessel wild aufragender Felszacken. Der mächtigste heißt „Dito di Dio“; wenn das kein Fingerzeig aus höherer Warte ist! Tatsächlich war dann der Himmel blau am nächsten Morgen (Tag 2). Die Sorapisumrundung konnte beginnen, und zwar im Uhrzeigersinn. Im Schatten der Ostwand packten wir den ersten Steig, der wie die Hütte nach Alfonso Vandelli benannt ist. Über Leitern, Kamine, Bänder und Schrofen geht es ca. 400m hinauf auf einen Rücken (2370m), von wo sich ein toller Ausblick auf Cristallo, Drei Zinnen und die Sextener Dolomiten auftut. Leider verliert man die Höhe fast gleich wieder beim Abstieg zum Bivacco Comici (2050m). Hier beginnt ein kraftraubendes Auf und Ab immer am steilen Latschenhang entlang (Sentiero Carlo Minazio). Man landet im Felskessel südlich des Sorapis, muss dann noch 400m steil zum urigen Rifugio San Marco (1823m) absteigen. Am Ende wies der Fahrtenschreiber 9 Stunden Gehzeit aus. Als Belohnung gab’s kalte Dusche im Freien, Liegestuhl in der Abendsonne mit herrlichem Blick auf Antelao und Pelmo und natürlich wieder Spaghetti mit (ein wenig) Rotwein.

Tag 3: In der Früh keine Wolke, kühl, ideal zum Wiederaufstieg hinauf in die Felszone zum Bivacco Slataper (2680m). Ogottogott, hier wollte Julia ursprünglich übernachten, über den Wolken und unter den Sternen. Da hätten wir zusammen mit 3 Tschechen auf insgesamt 3 Lagern in einer kleinen Blechschachtel eine gemütliche Nacht verbracht, vermutlich im Stehen, bei eisiger Kälte und ohne Bier und Spaghetti. Aber romantisch! Der Finger Gottes war dagegen. Von der Biwakscharte führt nun die Ferrata „Francesco Berti“ gach hinunter in die Wände. Da fällt einem beim Blick nach unten fast der Helm vom Kopf. Gott sei Dank hatte Julia ihren fetzigen neuen Plastikhut fest im Lockenkopf verankert, sonst wäre sie nicht mehr unter uns. Ein Pfundsstein knallte ihr voll aufs Haupt, richtete aber mit Riesenglück keinen Schaden an. Da vergeht das Lachen, man hört die Schutzengel singen. Die waren bei uns und begleiteten uns weiter auf langen ausgesetzten Bändern und Karen, bis es in einer kurzen, freien Kletterei hinunter geht in den letzten Felskessel vor der Vandellihütte. Im weiteren Abstieg betrauern wir der schwindenden Rest des Sorapisgletschers und stolpern nach 8 Stunden müde am hellgrünen Sorapissee vorbei zum Ziel. Julia bezirzt den Hüttenwirt, so dass wir gerade noch die letzten Lager erhalten. Der Ausklang des Tages am Ufer des Sees im Schein der späten Nachmittagsonne war das Happy End eines aufregenden, genussreichen Bergabenteuers. Während eine Dame ihren edlen Körper voll in den See eintauchte, ließen Doris, Rolf und Sigi nur ihren Fußschweiß dort zurück. Da schmeckten am Abend die Spaghetti um so besser.

Tag 4 begann mit einem frühen Abstieg zum Tre-Croci-Pass, weil noch die Tofana di Rozes auf dem Programm stand. Dafür mussten wir per Auto ein paar Kilometer hinunter nach Cortina und hinauf zur Dibona Hütte (2083m). Das Wetter war erneut ideal. Der Anstieg zum Einstieg begann gegen halb zehn und dauerte in der schweißtreibenden Morgensonne eine Stunde. Als wir dann am Fels waren, verlor das Kletterquartett zwei tragende Säulen. Schuld waren ein schmerzendes weibliches Knie und der verlorene Kopfschutz eines Mannes. Der blaue Helm entkam seinem Besitzer an hohen Berges Flanke und kugelte lustig der Schwerkraft folgend zu Tale, bis man ihn aus den Augen verlor. So musste sich der kleine Rest des Kleeblatts allein auf den Weg zum Gipfel machen. Der Klettersteig „Giovanni Lipella“ beginnt mit einem hübschen Gag: Ein stockfinsterer Stollen aus dem ersten Weltkrieg führt im Berg ca. 15 Minuten und 130 Höhenmeter hinauf in die Westwand. Dann geht es abwechslungsreich über lange Bänder und Wandstufen hinauf zu einer Aussichtskanzel, von der man die schneebedeckten Zillertaler im Norden und nahezu alles, was in den westlichen Dolomiten Rang und Namen hat, bewundern kann. Der zweite Teil des Steiges hinauf zum Gipfelaufbau hat einige grantige Stellen, vor allem weil Schmelzwasser und Eisreste die Reibung verminderten und die Spannung erhöhten. Am Gipfel der Tofana (3225m) war dann nach 1200 Höhenmetern zumindest der männliche Teil des Zweierteams am Pfeifen, fast aus dem letzten Loch. Aber Brotzeit und Gipfelbussi taten schnell ihre wohltuende Wirkung. Auf den Abstieg hätten wir leicht verzichten können: Rutschiger Schotter und etliche eingebaute Schikanen in Form von meterhohen Abstufungen setzen dem Genuss deutliche Grenzen. Warme Dusche und gute Kost (u.a. mit Spaghetti) auf der Dibona versöhnten mit allen Strapazen.

Tag 5 brachte vor der Heimfahrt noch den letzten Kitzel bei wieder blauem Himmel und inzwischen großer Wärme, den Eisenweg auf die Punta Fiames (2240m), mit wieder gefundenen Helm. Diesmal etwas leichter, aber immerhin 600 Höhenmeter Klettersteig (Michielli Strobel). Wilde Felsszenerie und lange Schuttabfahrten, dazu ein perfekter Blick auf Cortina, das bleibt im Gedächtnis. Der knurrende Magen ist zu später Mittagsstunde mit kulinarischen Schmankerln (Spaghetti?) befriedet worden. Eine problemlose Heimfahrt über den Brenner beschloss die knappe Woche im Zauber der Dolomitenberge mit Blicken in schaurige Tiefen und unendliche Weiten, mit Hängen voll samtener Edelweiß und gelbem Mohn, mit schwarzen Gewitterwolken und azurblauem Himmel. Die Vier vom Kleeblatt haben es genossen.

Erinnert im August 2011 von Siegfried Wismeth
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