Diashow





 | Nass und kalt war angesagt im Juli
2011. Nichts zum Sonnenbaden, und auch nichts zum Bergsteigen. Und
tatsächlich war’s dann um den 21.07. so schlecht, dass die
Klettersteigtour in die östlichen Dolomiten undurchführbar wurde:
Landregen vom Chiemsee bis zum Gardasee, Schnee ab 2500m. Da war’s
daheim hinterm Ofen gemütlicher.
Aber man kann ja vieles im Leben
nachholen: Neuer Termin 07.08. Wetter jetzt? Wieder Regen! Doch der
Wetterbericht versprach Besserung. So sind wir -ein
geschlechtermäßiges Glückskleeblatt- dann einen Tag später als
geplant aufgebrochen. Und hatten gleich am ersten Tag das Glück der
reisenden Engel: Am Brenner hat es noch gegossen; im Pustertal kam
die Sonne raus. Es blieb allerdings noch ein wenig „schaurig“.
Der abendliche Aufstieg vom Passo Tre Croci bei Cortina (1809m) zur
Vandellihütte (1928m) war herrlich zum Einlaufen: Ein gemütlicher
Weg durch den frisch gewaschenen Bergwald mit faszinierenden
Ausblicken auf Sorapis und Cristallo, wo sich der blaue Himmel mit
den hartnäckigen Regenwolken ein aufregendes Gefecht lieferte. Die
letzten 10 Minuten hat es uns dann doch noch abgeduscht. 4 Saubere
Lager für uns allein und eine ordentliche Portion Spaghetti sorgten
für einen runden Auftakt.
Die kleine Hütte liegt wunderschön im
Kessel wild aufragender Felszacken. Der mächtigste heißt „Dito di
Dio“; wenn das kein Fingerzeig aus höherer Warte ist! Tatsächlich
war dann der Himmel blau am nächsten Morgen (Tag 2). Die
Sorapisumrundung konnte beginnen, und zwar im Uhrzeigersinn. Im
Schatten der Ostwand packten wir den ersten Steig, der wie die Hütte
nach Alfonso Vandelli benannt ist. Über Leitern, Kamine, Bänder und
Schrofen geht es ca. 400m hinauf auf einen Rücken (2370m), von wo
sich ein toller Ausblick auf Cristallo, Drei Zinnen und die Sextener
Dolomiten auftut. Leider verliert man die Höhe fast gleich wieder
beim Abstieg zum Bivacco Comici (2050m). Hier beginnt ein
kraftraubendes Auf und Ab immer am steilen Latschenhang entlang
(Sentiero Carlo Minazio). Man landet im Felskessel südlich des
Sorapis, muss dann noch 400m steil zum urigen Rifugio San Marco
(1823m) absteigen. Am Ende wies der Fahrtenschreiber 9 Stunden
Gehzeit aus. Als Belohnung gab’s kalte Dusche im Freien, Liegestuhl
in der Abendsonne mit herrlichem Blick auf Antelao und Pelmo und
natürlich wieder Spaghetti mit (ein wenig) Rotwein.
Tag 3: In der Früh keine Wolke, kühl,
ideal zum Wiederaufstieg hinauf in die Felszone zum Bivacco Slataper
(2680m). Ogottogott, hier wollte Julia ursprünglich übernachten,
über den Wolken und unter den Sternen. Da hätten wir zusammen mit 3
Tschechen auf insgesamt 3 Lagern in einer kleinen Blechschachtel eine
gemütliche Nacht verbracht, vermutlich im Stehen, bei eisiger Kälte
und ohne Bier und Spaghetti. Aber romantisch! Der Finger Gottes war
dagegen. Von der Biwakscharte führt nun die Ferrata „Francesco
Berti“ gach hinunter in die Wände. Da fällt einem beim Blick nach
unten fast der Helm vom Kopf. Gott sei Dank hatte Julia ihren
fetzigen neuen Plastikhut fest im Lockenkopf verankert, sonst wäre
sie nicht mehr unter uns. Ein Pfundsstein knallte ihr voll aufs
Haupt, richtete aber mit Riesenglück keinen Schaden an. Da vergeht
das Lachen, man hört die Schutzengel singen. Die waren bei uns und
begleiteten uns weiter auf langen ausgesetzten Bändern und Karen,
bis es in einer kurzen, freien Kletterei hinunter geht in den letzten
Felskessel vor der Vandellihütte. Im weiteren Abstieg betrauern wir
der schwindenden Rest des Sorapisgletschers und stolpern nach 8
Stunden müde am hellgrünen Sorapissee vorbei zum Ziel. Julia
bezirzt den Hüttenwirt, so dass wir gerade noch die letzten Lager
erhalten. Der Ausklang des Tages am Ufer des Sees im Schein der
späten Nachmittagsonne war das Happy End eines aufregenden,
genussreichen Bergabenteuers. Während eine Dame ihren edlen Körper
voll in den See eintauchte, ließen Doris, Rolf und Sigi nur ihren
Fußschweiß dort zurück. Da schmeckten am Abend die Spaghetti um so
besser.
Tag 4 begann mit einem frühen Abstieg
zum Tre-Croci-Pass, weil noch die Tofana di Rozes auf dem Programm
stand. Dafür mussten wir per Auto ein paar Kilometer hinunter nach
Cortina und hinauf zur Dibona Hütte (2083m). Das Wetter war erneut
ideal. Der Anstieg zum Einstieg begann gegen halb zehn und dauerte in
der schweißtreibenden Morgensonne eine Stunde. Als wir dann am Fels
waren, verlor das Kletterquartett zwei tragende Säulen. Schuld waren
ein schmerzendes weibliches Knie und der verlorene Kopfschutz eines
Mannes. Der blaue Helm entkam seinem Besitzer an hohen Berges Flanke
und kugelte lustig der Schwerkraft folgend zu Tale, bis man ihn aus
den Augen verlor. So musste sich der kleine Rest des Kleeblatts
allein auf den Weg zum Gipfel machen. Der Klettersteig „Giovanni
Lipella“ beginnt mit einem hübschen Gag: Ein stockfinsterer
Stollen aus dem ersten Weltkrieg führt im Berg ca. 15 Minuten und
130 Höhenmeter hinauf in die Westwand. Dann geht es
abwechslungsreich über lange Bänder und Wandstufen hinauf zu einer
Aussichtskanzel, von der man die schneebedeckten Zillertaler im
Norden und nahezu alles, was in den westlichen Dolomiten Rang und
Namen hat, bewundern kann. Der zweite Teil des Steiges hinauf zum
Gipfelaufbau hat einige grantige Stellen, vor allem weil
Schmelzwasser und Eisreste die Reibung verminderten und die Spannung
erhöhten. Am Gipfel der Tofana (3225m) war dann nach 1200
Höhenmetern zumindest der männliche Teil des Zweierteams am
Pfeifen, fast aus dem letzten Loch. Aber Brotzeit und Gipfelbussi
taten schnell ihre wohltuende Wirkung. Auf den Abstieg hätten wir
leicht verzichten können: Rutschiger Schotter und etliche eingebaute
Schikanen in Form von meterhohen Abstufungen setzen dem Genuss
deutliche Grenzen. Warme Dusche und gute Kost (u.a. mit Spaghetti)
auf der Dibona versöhnten mit allen Strapazen.
Tag 5 brachte vor der Heimfahrt noch
den letzten Kitzel bei wieder blauem Himmel und inzwischen großer
Wärme, den Eisenweg auf die Punta Fiames (2240m), mit wieder
gefundenen Helm. Diesmal etwas leichter, aber immerhin 600 Höhenmeter
Klettersteig (Michielli Strobel). Wilde Felsszenerie und lange
Schuttabfahrten, dazu ein perfekter Blick auf Cortina, das bleibt im
Gedächtnis. Der knurrende Magen ist zu später Mittagsstunde mit
kulinarischen Schmankerln (Spaghetti?) befriedet worden. Eine
problemlose Heimfahrt über den Brenner beschloss die knappe Woche im
Zauber der Dolomitenberge mit Blicken in schaurige Tiefen und
unendliche Weiten, mit Hängen voll samtener Edelweiß und gelbem
Mohn, mit schwarzen Gewitterwolken und azurblauem Himmel. Die Vier
vom Kleeblatt haben es genossen.
Erinnert im August 2011 von Siegfried
Wismeth
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